grafik Stephanie Marx

Rede von Hubertus Giebe, 2013 (Auszug)

Stephanie Marx ist eine passionierte Holzschneiderin. Bemerkenswert sind ebenso ihre Linolstiche, mit deren eigenwilligen Grotesken sie sich seit 2003 einen Namen machte, dem Jahr, in dem sie nach dem Studium an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst in der Fachklasse Freie Grafik bei Karl-Georg Hirsch, Rolf Münzner und Ulrich Hachulla ihr Grafikdiplom erhielt. Ihren damaligen Lehrern, die ihr Fach meisterhaft beherrschten, verdankt sie viel.

Bald schon fand sie verdiente Anerkennung in einer Ausstellung in der traditionsreichen Büchergilde Gutenberg in Frankfurt am Main, durch Arbeiten für die LUBOK-Mappen von Christoph Ruckhäberle in Leipzig und jüngst 2012 als Preisträgerin der 100 Sächsischen Grafiken in der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz für ihre großformatige Arbeit Robonaut. Aktiv und engagiert arbeitet sie auch in der Galerie und Werkstatt für Holzschnitt und Hochdruck Hoch+Partner, einem Selbsthilfeunternehmen junger Grafiker mit. Dessen kameradschaftlichen Teamgeist zum Zweck der Selbstbehauptung und der Bewahrung guter Handwerkstradition in Zeiten eines exaltierten Kunstmarktes und des Auslöschens künstlerischer Qualitätsstandards ist sie leidenschaftlich verbunden.
Ihre großen farbig noblen Schnitte bringen ein Bekenntnis zum Elementaren, Existentiellen zum Ausdruck. Sie zeigen einen ausgeprägten Stil, suchen Ordnung und Klarheit der Formen, sind von den grafischen Spannungsverhältnissen und bildnerischen Baugesetzen der Flächenordnung und Übertragung des Tiefenräumlichen in kompositorische Schlüssigkeit der Motive bestimmt. Diese oft stilllebenhaften, menschenleeren, kargen Landschaften, etwa Elsterwehr, Stellwerk, Alte Mensa der Leipziger Universität (2006) exkludieren das Laute, entfalten eine eigene, zwingende Poesie, oft Melancholie. Das Kleinliche, Naturalistische, Unbedeutende fällt weg. Gleichzeitig betont, verstärkt, synthetisiert sie die wesentlichen Formen zu zwingenden, unerwarteten Bildzeichen. Wir lernen sehend vorzüglich eine achtsame, gefühlsbetonte Existenzanschauung.

Einen anderen kräftigen Strang ihres sich entfaltenden grafischen Werkes bilden die allegorischen, grotesken Stiche und Schnitte, ausgehend etwa von Blättern wie Walzenspinne, Monstertruck (beide 2007), die sie mit Max-Ernst-hafter, surrealistischer Lust nun bis ins Monumentale des Robonauten (2012) steigerte. Ein fast „halluzinatives Schauen“, eine „Kraft der Metamorphose“ (Carl Einstein) des bildnerischen Gestaltwandels, etwa der menschlichen Figur, werden bedrängend sichtbar. Wie einst bei Rudolf Schlichter, Blinde Macht (1973), wird die Verquickung von Mensch und Mechanik bedrohlich metaphysisch gegeben: Menschen-Verdinglichung, technoide Erstarrung des Leibes, ja Alptraumhaftes scheint auf. Diese Vermischung des Lebendigen mit der toten Dingmaterie sind ein vorzügliches Kennzeichen für das Groteske. Dieser geahnten „Entseelung des Lebens“ (Ernst Bloch, 1935) stellt Stephanie Marx ausgleichend die hellen, atmenden, monolithischen Holzschnitte der Landschaften gegenüber. Auch ihre Fassaden, Mauern, Kuben, Masten, Stangen benennen die zivilisatorische Spannung unserer Existenz, wollen aber die Menschenräume beseelen.

Kunst wird erst dann interessant,
wenn wir vor irgend etwas stehen,
das wir nicht gleich restlos erklären
können.
Christoph Schlingensief